Hans Geiger

Alle Jahre wieder, so zuletzt im Herbst 1982 anlässlich seines 100jährigen Geburtstages und im September 1995 zu seinem fünfzigjährigen Todestag, gedachte das Hans-Geiger-Gymnasium seines Namensgebers (1882-1945). Erinnern wir uns mit einigen Worten an den Mann, dessen Namen das Kollegium des bis dato sogenannten 2. Ostufergymnasiums im Frühjahr 1970 mit seiner Schule verbunden wissen wollte.

Neben Geiger standen 1970 die Namen von Werner Heisenberg und Konrad Lorenz zur Debatte – drei Naturwissenschaftler also, die weit über ihren eigenen Fachbereich hinaus bekannt und berühmt geworden sind. Daß die Entscheidung damals gerade zu gunsten desjenigen der drei Kandidaten ausfiel, dessen wissenschaftliche Leistung nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, liegt darin begründet, daß die Stadt Kiel – wenn auch nur für wenige Jahre – Station des Lebensweges Geigers gewesen ist. An der Kieler Christian-Albrechts-Universität begann die universitäre Laufbahn Geigers, als er zum Sommersemester 1925 auf den Lehrstuhl für Experimentalphysik berufen wurde.
In dem im Krieg zerstörten Physikalischen Institut in der Fleckenstraße im alten Universitätsgelände an der Brunswik gelang Geiger und seinem Assistenten Walter Müller im Jahre 1928 die Erfindung, die gerechterweise zunächst als „Geiger-Müller-Zählrohr“ bekannt wurde, bis sich nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Sprachen der Begriff „Geigerzähler“ durchgesetzt hat.
Im Jahre 1970, bei der Entscheidung für den Namenspatron, werden viele noch so ähnlich gedacht haben wie Geiger selbst im Jahre 1939, als sich die Möglichkeit abzeichnete, die gerade entdeckte Kernspaltung als Energiequelle zu nutzen. Geiger hatte damals, wie sich der Kieler Kernphysiker Bagge erinnert, die Aussichten auf eine wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie geradezu enthusiastisch begrüßt. Heute, über dreißig Jahre nach der Gründung des Hans-Geiger-Gymnasiums, ist der tickende Geigerzähler geradezu zum Negativsymbol einer technischen Entwicklung geworden, die statt Zuversicht und Hoffnung bei den meisten Ängste und Sorge auslöst.
Geiger dafür postum mitverantwortlich zu machen, wäre naiv und unbillig. Ebenso unangemessen aber wäre auch eine Haltung distanzloser Verklärung der Person und der Leistungen Geigers. Zwar hat er sich – wohl vornehmlich aus gesundheitlichen Gründen – während der Kriegsjahre kaum an den Aktivitäten des sogenannten Uranvereins beteiligen können, die zunächst auch in Richtung einer militärischen Nutzung der Kernspaltung gingen. Zwar hat er sich mit anderen während der NS-Zeit öffentlich gegen die ideologisch begründete Verketzerung der „jüdischen“ Relativitätstheorie und der Quantentheorie gewandt. Ihm ging es hierbei jedoch vornehmlich um die Autonomie und die internationale Geltung seiner Wissenschaft. Ansonsten scheint er, wie viele andere Wissenschaftler bürgerlich – konservativer Herkunft und Gesinnung, dem Zeitgeist keinen Widerstand entgegengesetzt zu haben. Wie schon anläßlich seines l00jährigen Geburtstages gesagt, scheint er sich die Frage, wem die Wissenschaft, insbesondere der technische Fortschritt diene, nicht gestellt, scheint er die Möglichkeit, daß wissenschaftliche Erkenntnis auch mißbraucht werden kann, nicht gesehen zu haben.
Seine wissenschaftlich bedeutendste Leistung hatte Geiger schon eine Generation früher erbracht. Als Mitarbeiter von Rutherford hatte er zusammen mit dem Engländer Marsden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Manchester „wesentliche Geburtshelferdienste“ (so der Geigerschüler und Kernphysiker Otto Haxel) bei der Entwicklung des Rutherfordschen Atommodelis geleistet. Auf fünf knappen Seiten hatten Geiger und Marsden 1909 den nach den gängigen Theorien unerklärlichen Befund publiziert, daß beim Beschuß von Platinfolien mit Alphateilchen einige wenige dieser Teilchen reflektiert werden. Eineinhalb Jahre später war Rutherford die theoretische Deutung dieser Beobachtung gelungen. Und es waren wiederum Geiger und Marsden gewesen, die die Rutherfordsche Modellvorstellung vom Atomkern und der ihn umgebenden Elektronenhülle experimentell bestätigt hatten.
Nicht zuletzt über seine Zusammenarbeit mit Rutherford hat Geiger in einem für ein weiteres Publikum bestimmten Buch berichten wollen, an dem er während seiner letzten Lebensjahre arbeitete. Diesem Buch hatte er den Titel „Experimentierkunst und Entdeckerfreuden“ zugedacht. Das Kieler Gymnasium, das den Namen Hans Geigers trägt, wäre wohl nicht schlecht beraten, wenn es sich diese Worte als Wahlspruch für seinen Weg durch das vierte Jahrzehnt zu eigen machte.